SZ/BZ-Kulturgespräch: Frank Martin Widmaier, 2013 der Regisseur von „Sindolfs Traum“, über die Biennale Sindelfingen 2015 / Neuauflage für Kuchenritt auf 2017 verschoben
Der Sindelfinger Gemeinderat hat im Oktober die Weichen für eine kulturelle Weiterführung des Jubiläumsjahres gestellt und stellt dafür ein Budget von 210 000 Euro zur Verfügung. Die SZ/BZ sprach mit Frank Martin Widmaier über die erste Biennale. Der Regisseur und Kulturmanager, der 2013 die Jubiläumsgala, das Festwochenende mit „Sindolfs Traum“ und Zeitspaziergang sowie die Performance im Januar 2014 verantwortete, übernimmt als künstlerischer Leiter der Biennale Sindelfingen mit Kulturamtsleiter Horst Zecha die Federführung für die Veranstaltungsreihe im Jahr 2015.
Sie haben im Oktober im Kulturausschuss schon die ersten Ideen für die Biennale skizziert. Wie weit sind Sie heute?
Frank Martin Widmaier (Bild: z): „Der Rahmen für das Programm steht. Über diese Idee diskutieren wir aber schon seit der Performance zum Abschluss des Jubiläumsjahres beim Neujahrsempfang im Januar 2014. Das Hauptprogramm soll am 10. Juli 2015 starten und geht dann bis zum 2. August 2015.“
Was passiert am 10. Juli?
Frank Martin Widmaier: „Die Premiere für die Welturaufführung eines Theaterspiels mit dem ambitionierten Titel ‚Der Sindelfinger Jedermann‘, an dem ich gerade mit Kai Schubert arbeite. Der hatte auch die Vorlage für ‚Sindolfs Traum‘ im Jubiläumsjahr 2013 geliefert.“
Der erste Arbeitstitel „Das Silber der Welfen“ hat sich also geändert.
Frank Martin Widmaier: „Ein Welfe kommt aber trotzdem im Stück vor, das sich ein wenig an mancherlei Elementen aus dem Jedermann des Hugo von Hofmannsthal, dem Faust, Galileo Galilei oder Nathan dem Weisen bedient. Es geht um die Moralität vom Leben und Sterben eines guten Mannes. Verschiedene Mächte ringen um einen Sindelfinger Jedermann.“
Eine historische Geschichte?
Frank Martin Widmaier: „Nein, es kann ja nur eine Fiktion sein, aber an einigen historischen Figuren festgemacht. Es geht um einen Sindhold alias Jedermann, um den Stadtherrn Welf VI., um Chorherren, Kreuzzüge oder einen jüdischen Gast Sindelfingens. Mit vielerlei Menschengestalten, zwischen Gott und Teufel hin und her gerissen. Mehr verrate ich jetzt aber nicht.
Es kann nur eine Fiktion sein, aber an einigen historischen Figuren festgemacht
Es gibt insgesamt 20 größere Rollen, aber auch viele Statisten, die wir ab März in der Stadt suchen werden. Die Hauptrolle wird Ingo Sika übernehmen, dabei sein wird zum Beispiel auch Sabine Duffner.“
Ingo Sika hat 2013 in Ihrer Multi-Media-Theater-Kreation auf dem Marktplatz den Sindolf verkörpert. Hat der Stadtgründer seine Schuldigkeit getan?
Frank Martin Widmaier: „Die Biennale ist kein Aufguss des Stadtjubiläums, sondern ein neues Format, das Sindelfingen auch überregional als Kulturstandort positionieren soll. Als Figur und Maskottchen hat Sindolf 2013 sehr viel zu tun gehabt und stark gewirkt. So behalten wir ihn nun in guter Erinnerung.“
Der Kuchenritt mit fast tausend Grundschulkindern gehörte zu den Glanzlichtern des Sindelfinger Stadtjubiläums. Gibt es 2015 eine Fortsetzung?
Frank Martin Widmaier: „Nein, leider nicht. Wir haben es in der Kürze der Zeit nicht geschafft, alle Sindelfinger Grundschulen einzubinden, weil es bereits bestehende Termine für die Kinder gibt. Wir haben die Wiederauflage deshalb auf 2017 verschoben und gewinnen Zeit, um das Grundkonzept weiter zu entwickeln.“
Hauptgeschichte ist also das Theater.
Frank Martin Widmaier: „Das Zentrum des Biennale-Geschehens sind der historische Stadtkern, die Altstadt und der Stiftsbezirk. Es sollen aber nicht nur rund 20 Aufführungen in den letzten drei Juli-Wochen stattfinden, also mit Theater, Musik, Film, Tanz; sondern es wird auch Kunstinstallationen in der Altstadt geben.
Den Charakter eines Kulturfestivals sollen Zusatzangebote unterstreichen
Dazu gibt es viele Führungen, auch Gespräche: Den Charakter der Biennale, also eines Kulturfestivals, sollen Zusatzangebote unterstreichen. Das Stadtzentrum wird lebendiger Mittelpunkt einer kreativen Stadt sein. Wir denken an Zusammenarbeit mit Matthias Hanke und Markus Nau in Sachen Musik und wollen den Glockenturm der Martinskirche einbeziehen. Es gibt eine Uraufführung der Kinderfilmakademie, einen Tanztheaterabend, für den Monika Heber-Knobloch verantwortlich zeichnet, oder auch ein Projekt mit Flüchtlingen, an dem wir mit Ulrich von der Mülbe arbeiten.“
Das sind bekannte Namen, die sich schon im Sindelfinger Jubiläumsjahr engagiert haben. Gibt es 2015 neue Entdeckungen?
Frank Martin Widmaier: „Alles, was zu sehen sein wird, wird neu erfunden, da wird es genug zu entdecken geben. Die Sensation ist meines Erachtens der politische Wille, nach einem veränderten Stadt-Gefühl von 2013 für die Sindelfinger die Verstetigung dieses Gefühls durch Kultur zu schaffen. Ich halte das für ein sehr zukunftsweisendes Projekt in einer Stadt dieser Größe. Wir hoffen da auch auf Zuarbeit von Sindelfinger Kultur-Initiativen.
Alles, was zu sehen sein wird, wird neu erfunden
Deshalb ist ein zweiter Schwerpunkt der Biennale die restaurierte Altstadt als historisches Stadtzentrum. Wir haben mit dem Konzeptkünstler Dietmar Herzog aus Ulm einen ‚Artist in Residence‘, der von Mai bis Oktober in der Altstadt leben und viele Projekte und Begleitprojekte leiten wird. Zuerst aber realisiert er die Installationen an knapp einem Dutzend Häuser mit weiteren Künstlern. Die Ausschreibung läuft, lokal und überregional. Ab Ende Oktober soll ein Lichter-Festival das mittelalterliche Zentrum aus einem ganz anderen, nächtlichen und magischen Blickwinkel zeigen. Sindelfingen ist ja nicht umsonst seit 2013 Mitglied der Deutschen Fachwerkstraße.“
Gibt es weitere Programmpunkte, die heute schon feststehen?
Frank Martin Widmaier: „Wir haben die Anregung von FDP-Rat Andreas Knapp aus der Gemeinderatssitzung vom Oktober aufgegriffen, der einen Ball in der Stadt etablieren wollte, und mit dem Gewerbe- und Handelsverein über Carola Klein einen Partner gefunden, die solch ein gesellschaftliches Ereignis im Biennale-Rahmen in der Stadthalle aufziehen will.“
Wann gibt es die ersten Veranstaltungen der Biennale 2015?
Frank Martin Widmaier: „Wir haben vor, verschiedene Impuls-Veranstaltungen zu organisieren. Zum Biennale-Konzept gehört zum Beispiel eine Kommunikationsgruppe, die hilft, Sindelfingen auch überregional neu darzustellen. Dabei sind junge Leute wie Oliver Weiss, der am Goldberg-Gymnasium verschiedene Videos wie zum Beispiel ‚Supergeil‘ gedreht hat. Der erste Biennale-Trailer wird Mitte Januar ins Netz gestellt.
Zur ersten für alle offenen Impuls-Veranstaltung haben wir am 15. Januar Steven Walter vom sehr erfolgreichen und innovativen Podium-Festival Esslingen in den Oberlichtsaal eingeladen. Vielleicht können Aspekte der Esslinger Strategie auch in Sindelfingen umgesetzt werden.“
Mit welchem Ziel?
Frank Martin Widmaier: „Wir wollen neue Sindelfinger Kunst- und Kulturformen erarbeiten, vermitteln und Strategien finden, um dem Technologiestandort Sindelfingen durch das kulturelle Angebot der Biennale eine noch größere Attraktivität zu geben, regional und überregional spürbar. Das ist ja übrigens auch durch politische Beschlüsse so gewollt. Vielleicht sagen noch mehr Menschen dann: Sindelfingen isch, bleibt oder gar wird mei Heimat.“
Den Schwung des Sindelfinger Jubiläumsjahres 2013 soll die Biennale 2015 mitnehmen. Startschuss war der Neujahrsempfang im Januar 2014 mit der Performance in der Stadthalle. In der ersten Reihe von links Klaus Philippscheck, Frank Martin Widmaier, Horst Zecha, Bernd Vöhringer und Milenko Milojevic. Bild: Stampe/A